Wem gehört Kirkuk?
- Perser, Türken, Araber und
Kurden
in Geschichte und Gegenwart
Sigmaringen (pew) - Das
Denken in historischen Dimensionen ist unerlässlich, will man die
aktuellen Probleme in Nahen und Mittleren Osten verstehen und
politisch lösen. So das Fazit eines Vortrags, zu dem die
Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik, zusammen mit dem
Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr in das Offizierheim
eingeladen hatten.
Vor rund 80 Zuhörern
bekundete der Referent, Oberst a.D. Eberhard Möschel, seine
Überzeugung, dass nur unter Berücksichtigung der historisch
gewachsenen ethnischen und religiösen Unterschiede sich dauerhaft
tragfähige politische Strukturen in den Ländern der Region finden
und damit jahrzehntelange Spannungen und offene Konflikte beenden
lassen.
Möschel, der während seiner
Laufbahn als Luftwaffenoffizier fünf Jahre als Militärattaché an der
Deutschen Botschaft in Kairo eingesetzt war und sich durch
zahlreiche Reisen in Jordanien, Israel, dem Libanon, Syrien und der
Törkei ein eigenes Bild von der Mentalität der Menschen und ihrem
historisch geprägten Bewusstsein machen konnte, ist der Überzeugung,
dass viele Fehler der kolonialen und nachkolonialen Zeit des 19. und
20. Jahrhunderts hätten vermieden werden können, wenn die damals
Verantwortlichen bei ihren Entscheidungen die historischen
Bedingungen besser berücksichtigt hätten.
Die heutige politische
Klasse in Europa und den USA kann nicht umhin, dies zu beherzigen,
will sie langfristigen Einfluss in dieser für die Erdölversorgung
wichtigen Region gewinnen und die durch einen möglichen EU Beitritt
der Türkei unmittelbare Nachbarschaft positiv beeinflussen.
Dem Gelingen des staatlichen
Wiederaufbaus des Irak fällt eine exemplarische Bedeutung für die
gesamte Region zu. Im Irak, der Brücke zwischen Europa, dem Nahen
Osten und Saudi-Arabien und Südasien, muss sich beweisen, dass die
Prinzipien der Demokratie stark genug sind, die multiethnischen und
multireligiösen Unterschiede zusammenzubringen. Gelingt dies nicht,
wird die Erosion der Staaten in der Region und das Wiederaufbrechen
alter Konflikte fortschreiten.
Kirkuk, heute eine 800.000
Einwohner Stadt im Norden des Irak, ist ein Prüfstein für die
Gestaltung der Zukunft. Die heftigen Reaktionen der türkischen
Regierung auf die Rückansiedlung vertriebener Kurden in der Stadt
sind ein Beispiel für nach unseren Maßstäben unverständliche
Empfindlichkeiten und Ängste in der Region. Der Erfolg europäischer
und amerikanischer Politik kann nur gemeinsam mit den Betroffenen
erzielt werden. Dazu ist es aber auch Voraussetzung, dass sich
unsere Politik nicht ausschließlich nach eigenen Maßstäben und
Interessen ausrichtet, sondern die manchmal zutiefst
unterschiedlichen, oft historisch begründeten Anschauungen der
Betroffenen umfassend berücksichtigt.
Zeitungsbericht

