Unter Taliban, Warlords und
Drogenbaronen - eine deutsche Familie kämpft für Afghanistan
Hardheim - Afghanistanexperte Dr.
Reinhard Erös, Oberstarzt der Bundeswehr a.D., berichtete in einem
fesselnden Vortrag unter dem Titel „Unter Taliban, Warlords und
Drogenbaronen – eine deutsche Familie kämpft für Afghanistan” über die
aktuelle Situation im Land am Hindukush. Mit dieser Veranstaltung, zu der
Oberstleutnant Stocks, Kommandeur des Panzerflugabwehrkanonenbataillons 12
aus Hardheim und Standortältester, sowie der Sektionsleiter Taubertal OTL
a.D. Wolfgang Krayer von der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik
geladen hatten, sollte vor allem den Einsatzsoldaten aus Hardheim, die in
den nächsten Wochen ihren viermonatigen Auslandseinsatz in Afghanistan
antreten, aber auch zahlreichen zivilen Gästen sowie dem Führungspersonal
des Standortes die Möglichkeit gegeben werden, sich über die
landestypischen Besonderheiten und örtlichen Begebenheiten zu informieren.
Dr. Erös lebte von 1987 bis Ende
1990 mit seiner Familie in Afghanistan und engagiert sich seit dieser Zeit
sowohl als Mediziner, als auch mit verschieden Projekten im Rahmen der
„Kinderhilfe Afghanistan” stark für die von Krisen und Kriegen zerrissene
Region. So konnte er bei seinem über zweistündigen Vortrag aus einem
breiten Fundus persönlicher Erfahrungen und Erlebnisse schöpfen, die er
mit einer Vielzahl von interessanten und bewegenden Bildern, Statistiken
und Zitaten untermalte. Seinen Zuhörern gab Dr. Erös dabei sowohl
Einblicke in die tägliche Lebenssituation vieler afghanischer Familien,
die meist in ärmlichsten Verhältnissen ums tägliche Überleben kämpfen, als
auch in die politischen Verhältnisse, den Einfluss verschiedenster
regionaler Stammesführer und die Rolle des Drogenanbaus.
Dr. Erös bei seinem
Vortrag
So stellte Dr. Erös während seines
Vortrages zum Einen klar heraus, dass bei einer ganzheitlichen Betrachtung
Afghanistans auch immer der starke Zusammenhang zu Pakistan als
wichtigsten Nachbar mit einbezogen werden muss. Beispielsweise entfalteten
sich die Taliban geografisch und politisch in Pakistan bzw. der
Grenzregion und konnten nach dem Abzug der Sowjet-Truppen im Jahr 1989 die
Macht in Afghanistan übernehmen. Jedoch kann man den Begriff „Taliban”
nicht als Synonym für „Terroristen” verwenden, so Erös. Vielmehr ist dies
lediglich die Bezeichnung für Studenten und Absolventen einer
Koran-Schule, die lediglich die religiöse und moralische Ausbildung,
keinesfalls aber militärische Fertigkeiten zum Ziel hat und nicht mit den
„Trainingscamps” verschiedener Terrororganisationen gleichzusetzen ist.
Des Weiteren spielt der Islam eine
wesentliche Rolle in Afghanistan. Da die afghanische Bevölkerung aus mehr
als 20 verschiedenen Volksgruppen und damit verbunden auch Sprachen
besteht ist der Islam die einzige, aber dennoch mächtige Verbindung aller
Afghanen. Der in Afghanistan vorherrschende „klassische Islamismus”
zeichne sich dabei durch eine hohe Toleranz gegenüber anderen Religionen
und Kulturen aus. Zudem hat der Begriff der „Gastfreundlichkeit” einen
besonders hohen Stellenwert und gilt als ungeschriebenes Gesetzt zu dem
alle verpflichtet sind. Er stellte klar. dass kein Afghane international
oder national wegen islamischem Terrorismus gesucht wird, aber Afghanistan
das einzige Land ist, in dem der „Krieg gegen den Terror” geführt wird.
Die Vielzahl der Volksstämme
führte Dr. Erös als einen der Gründe an, warum eine Zentralregierung in
der Hauptstadt Kabul nicht funktionieren kann. Die starke Verbundenheit
zum jeweiligen Volksstamm und dessen Stammesführer, der die lokale
Autorität darstellt, macht es den Politikern in Kabul, aber auch den
westlichen Soldaten, nahezu unmöglich, Afghanistan zu kontrollieren. Auch
der Abstand der meisten Politiker zur eigenen Bevölkerung sei enorm. Dr.
Erös machte deutlich, dass während der einfache Bauer mit einem Gehalt von
1 Dollar pro Tag auskommen muss, es der Politiker innerhalb von zwei
Jahren zum Millionär bringen kann.
In Verbindung mit dem Einkommen
der normalen Bevölkerung kam Erös auch auf die Thematik des Opiumanbaus zu
sprechen. Für ihn nimmt dieser Anbau von Schlafmohn die Schlüsselrolle in
der Problembewältigung ein. Die Produktion sei seit 2007 auf einem
konstant hohen Niveau von ca. 8000 Tonnen pro Jahr. Der Großteil der Ernte
werde dabei für die Produktion von Heroin verwendet und finanziert somit
in bedeutendem Maße den internationalen Terrorismus. Jedoch sei Opium
ebenfalls für die Produktion verschiedener Medikamente notwendig. Das Ziel
der internationalen Politik sollte es sein, so Erös, das hohe Vorkommen an
Opium zu nutzen, um eine gewinnbringende Pharmaindustrie in Afghanistan zu
etablieren und somit einem Großteil der Bevölkerung ein regelmäßiges
Einkommen zu ermöglichen. Zudem könnte somit die Heroinproduktion relativ
einfach eingedämmt werden.

Kommandeur PzFlakBtl 12 OTL Markus Stocks,
Referent OTA a.D. Dr.
Reinhard Erös und
Sektionsleiter OTL a.D. Wolfgang Krayer (v.l.n.r.)
In Bezug auf den Einsatz der
Bundeswehr stellte Dr. Erös klar heraus, dass es dringend erforderlich
sei, die Fähigkeit der „Interkulturellen Kompetenz” wesentlich stärker in
die Ausbildung der Soldaten einfließen zu lassen. Man dürfe nicht die
Probleme aus eigener Sicht, sondern lediglich aus Sicht der Afghanen
betrachten, um sie nachhaltig zu lösen. Des weiteren sei die Ausbildung in
den landestypischen Sprachen erforderlich, um das Vertrauen der
Bevölkerung zu gewinnen und eine Verbindung herzustellen. Denn nur so
könne man der zunehmenden Unterstützung militanter Gruppen wirkungsvoll
entgegentreten.
Dr. Erös beendete seinen
fesselnden Einblick in die afghanische Kultur mit seinem Leitspruch:
„Lass es die Afghanen lieber
nicht so perfekt aber selbst machen, als es selbst perfekt zu machen,
denn es ist IHR Land.”
OLt Heil
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